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Bauen im Wandel der Zeit 1990-2015, eine Bilanz


Vor 25 Jahren hatten wir, wie aktuell, nach langer Durststrecke einen Bauboom.

Was hat sich seitdem verändert?

Bis weit in das letzte Jahrhundert wurde über Jahrtausende fast nichts an der Baukonstruktion verändert.

1990 und in den 10 folgenden Jahren verwirklichten sich viele Deutsche den Traum vom Eigenheim. Die geburtenstarken Jahrgänge hatten Familien gegründet und waren im Beruf erfolgreich. Die Wiedervereinigung Deutschlands hatte gerade stattgefunden und auch in Ostdeutschland herrschte bei vielen Aufbruchstimmung.

Viele Familien zog es aufs Land, wo die Grundstücke günstiger und das Leben ruhiger war.

Der verklinkerte Bau war im Norden Deutschlands noch vorherrschend. Zwar hatte das Motto „Geiz ist geil“ schon einige infiziert, die große Mehrheit legte aber noch Wert auf Qualität, auch wenn einige Bauherren sich Zementpfannen auf ihre Dächer legen ließen, die damals preiswerter angeboten werden konnten.

Das schlüsselfertige Bauen erfreute sich zunehmender Beliebtheit, bekam man doch einen Festpreis.

Das durchschnittliche 1-Familienhaus hatte häufig noch einen Keller, auch wenn dieser immer häufiger zu Wohnzwecken missbraucht wurde, eine Garage, 2 Kinderzimmer, ein Sattel- oder Krüppelwalmdach und hin und wieder auch noch ein Stand-WC mit sichtbarem Spülkasten, auch wenn dieser nicht mehr unter der Decke hing, wie noch einige Jahre zuvor.

Fenster wurden gerne mit Sprossen versehen, weil man das gemütlich fand. Da man praktisch dachte, meist mit solchen, die im Scheibenzwischenraum angeordnet waren. Zusammen mit dem Krüppelwalmdach sollte das wohl an ein Landhaus erinnern.

Gelüftet wurde mit dem geöffneten Fenster und geheizt mit Heizkörpern und soliden Öl- oder Gaskesseln, die heute noch intakt sind und höchstens durch neue Verordnungen erzwungenermaßen demontiert werden müssen.

Die durchschnittliche Wärmedämmung betrug 6 cm ( und das obwohl die Ölkrisen bereits lange hinter uns lagen und Energiesparen schon längst in allen Köpfen angekommen war ).

Fassade und Dach wurden üblicherweise hinterlüftet.

Wandfliesen waren meistens 20/20 cm groß. Dieses Format hatte das vormals übliche Maß von 15/15 cm zunehmend abgelöst, Bodenfliesen waren schon mal 30/30 cm, gerne auch terrakottafarben ( wie im Urlaub oder eben im Landhaus). Die Farben beige und braun waren langsam auf dem Rückzug, Profilholzverkleidung inzwischen nur noch die Ausnahme, dagegen deutschgelbe Mamorfensterbänke immer noch gefragt.

Wer konnte leistete sich eine Eckbadewanne oder ein Gästezimmer. Ökologisch bauen wollten auch einige, auch wenn jeder etwas anderes darunter verstand. Für manche reichte ein Wintergarten ( womöglich noch beheizt ), andere wollten lieber alternative Dämmstoffe, Holzfenster oder eine Brennwertheizung.

Die Häuslebauer waren häufig praktisch veranlagt und halfen fleißig bei der Erstellung ihrer Häuser mit. Probleme wurden am Telefon besprochen und nicht selten entstanden Freundschaften zwischen den Bauherrn und den Bauausführenden.

Bis 2015 hat sich vieles verändert, vielleicht mehr als in den 100 Jahren zuvor.

Einfamilienhäuser werden deutlich weniger gebaut. Das liegt neben den Kosten auch daran, dass es weniger junge Leute gibt, sie heute immer seltener Familie haben und beruflich fexibel bleiben wollen und müssen. Außerdem haben sie kaum noch Zeit und Lust einen Garten zu pflegen.

Man zieht wieder in die Stadt, ist immer erreichbar und einsatzbereit. Hinzu kommt, dass mitten in der Bauflaute der 2000er Jahre auch noch die Eigenheimzulage gestrichen wurde.

Die Schlüsselfertigbauer haben sich neue Kunden gesucht. Die Häuslebauer sind in die Jahre gekommen und gehören vermehrt zur Generation 50+.

Die Politik will Energie sparen, koste es was es wolle. Bauen wird immer seltener bezahlbar. Eine Eigentumswohnung kostet heute häufig doppelt so viel wie ein 1-Familienhaus vor 25 Jahren. Technik hat Einzug in die Häuser gehalten, obwohl doch jeder in unserer Zeit weiß, dass nichts so vergänglich ist wie Technik, schließlich übersteht ein Handy kaum das laufende Jahr.

Mancher Keller muss heute deutlich höher werden, um die verschiedenen Leitungen unter zu bekommen, ohne die Kopfhöhe einzuschränken.

In 1-Familienhäusern verzichtet man inzwischen zunehmend auf Keller. Dafür macht man heute für fast jeden Baugrund ein Bodengutachten. Offensichtlich sind die Grundstücke mit normal tragfähigem Baugrund inzwischen alle aufgebraucht. Vor 25 Jahren fragte man in der Regel nur den Nachbarn, welchen Baugrund man erwarten durfte. Die allermeisten Häuser stehen trotzdem noch.

Vielleicht haben sie hier und da einen feinen Riss, was heute, was heute nur noch nach langem Schriftverkehr von Bauherren akzeptiert wird ( wenn überhaupt ).

Auch die europäische Normung hat viel zur Kostensteigerung beigetragen, obwohl manchmal der Eindruck entsteht außer Deutschland hält sich niemand an die verschärften Bestimmungen. Die anderen europäischen Länder haben ja auch ganz andere Probleme. Außerdem scheint dort meistens die Sonne, also kein Vergleich mit unserem Kampf gegen das Wasser.

Die Eigentumswohnung liegt voll im Trend. Sie hat in der Regel mind. 3 Zimmer. Kleinere Wohnungen sind bestenfalls an wechselnde Nutzer vermietbar, größere häufig zu teuer. Eigentumswohnungen haben fast immer einen großen Balkon ( wer es sich leisten kann nimmt eine Dachgeschosswohnung mit großer Dachterrasse ), sind barrierefrei, mit Aufzug und schwellenlosen Eingangs- und Terrassentüren, haben eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, die jeder will ( „hat man doch jetzt“ ), aber keiner gerne nutzt, einen Tiefgaragenplatz ( Carports, die jahrelang Trend waren, sind inzwischen wieder weniger gefragt ) und werden über eine Wärmepumpe ( im besten Fall mit Erdwärme ) und Fußbodenheizung beheizt, Investitionskosten, die sich bei älteren Bauherrn häufig zu Lebzeiten nicht mehr amortisieren.

Die Rollläden werden in der Regel elektrisch betrieben, obwohl die Energieverbräuche, auch in Deutschland, stets gestiegen sind und nicht, wie geplant, reduziert wurden.

Die Häuser werden immer stärker gedämmt, inzwischen 16 - 20 cm, gerne auch mehr, auch wenn viele Dämmstoffe immer noch aus Erdöl hergestellt werden und die wirtschaftlichen Dämmstoffdicken längst überschritten sind. Unsere Bundesumweltministerin jedenfalls, so hört man, hat ihre Altbaufassade nicht gedämmt. Ob Sie wohl schlecht beraten wurde ?

Systembedingt werden die Häuser geputzt, statt, wie Jahrhunderte lang, verklinkert, während in Süddeutschland, wo es immer schon Putzbauten gab, nur selten geputzte Dämmsysteme zum Einsatz kommen. Hier baut man lieber noch solide Stein auf Stein, wenn auch diese Steine kaum noch aus Ton bestehen.

Die Häuser haben wieder vermehrt Flachdächer, nachdem auch der letzte Mitbürger gemerkt hat, dass die Vorurteile aus den 60er Jahren, als das Flachdach meistens undicht war, nicht mehr haltbar sind. Daran ändert auch nichts, dass die Tonziegel auf Grund ihrer Größe preislich wieder konkurrenzfähig zu den Zementpfannen sind.

Eigenleistungen sind kaum noch üblich. Die jüngeren Bauherrn sind bereits im Wohlstand aufgewachsen und haben erforderliche Fähigkeiten nicht mehr erworben. Dafür sind sie bestens über das Internet informiert, was ihnen zusteht. Ältere Bauherrn sind körperlich häufig nicht mehr in der Lage, diese Arbeiten selber auszuführen.

Die Fliesen haben an Wänden und Böden Formate erreicht, die sich immer schwerer verlegen lassen ( mind. 30/60 cm ) bzw. höhere Anforderungen an die Unterbauten stellen, die inzwischen bis zu 30 cm dick geworden sind ( 1990 noch ca. 8 cm ). Türen müssen vorzugsweise weiß sein. Es gibt ja immer weniger Kinder, die sie schmutzig machen. Sprossenfenster werden zunehmend als spießig empfunden. Holzfenster werden leider auch nicht mehr genommen ( irgendwo muss man ja sparen ), auch wenn man gerne davon spricht nachhaltig zu bauen, obwohl kaum jemand weiß, was damit gemeint ist.

Gelbbraune Farbtöne sind wieder gefragt ( selbst deutschgelber Mamor ), Badewannen gibt es dagegen kaum noch. Lieber hat man eine bodengleich geflieste Dusche, obwohl man dort barfuß auf schimmelnden Fugen steht, wenn diese nicht täglich mit dem Heißdampfreiniger von der Putzfrau geputzt werden.

Die Fenster werden immer öfter 3-fach verglast, auch wenn der energetische Nutzen kaum nachweisbar ist, die Fenster aber knapp 50 % schwerer und natürlich teurer werden, mehr Energie bei der Herstellung verbrauchen ( schließlich muss Quarzsand zur Glasherstellung verflüssigt werden ) und weniger Licht durchlassen. Für den Fortschritt muss man eben Opfer bringen.

Hinterlüftete Fassaden und Dächer gibt es praktisch keine mehr. Das wird technisch gelöst. Dafür werden die Bauten immer dichter und wenn nicht, was beim Handwerk nie ganz ausgeschlossen werden kann, verursacht das große Schäden.

Das ist nicht ganz unverständlich, gehen doch die ständig steigenden Anforderungen beim Bau eines Hauses überhaupt nicht konform mit der Qualifikation und Quantität der Handwerksbetriebe.

Nach jahrelanger Flaute beim Bau, in denen nicht ausgebildet wurde und viele Handwerker arbeitslos wurden, fehlt es inzwischen an Nachwuchs. Immer weniger junge Leute wollen, trotz erheblich gestiegener Löhne, körperlich bei Wind und Wetter auf Baustellen arbeiten, zumal es kaum möglich ist, den wachsenden Anforderungen und Ansprüchen der Bauherren und Gesetzgeber gerecht zu werden.

Auf manchen Baustellen ist man froh, wenn man noch deutschsprachige Handwerker antrifft, selbst wenn diese nur in den seltensten Fällen über eine einschlägige Ausbildung verfügen.

Die Einbauküche, die in den 90er noch Luxus war, den man sich gönnte, wenn Geld übrig blieb, ist heute Standard und mit allen Extras ausgestattet, auch wenn kaum noch jemand kocht. Dafür werden die Küchen aber meistens zum Wohnbereich offen gelassen, man will ja wenigsten etwas von seiner Einbauküche haben.

Streitigkeiten werden fast ausschließlich per Mail geklärt, immer häufiger auch unter Hinzuziehung eines Gutachters oder Anwalts. Die Zahlungsmoral hat bei allen Beteiligten stark nachgelassen.

Wir sollten uns besinnen.

Früher war nicht alles besser. Aber gebaut wurde immer seit die Menschen sesshaft wurden.

Dabei wurde immer auf die regionalen Bedingungen Rücksicht genommen. Man verwendete regional verfügbare Materialien und Bauweisen, was übrigens viel mehr mit Nachhaltigkeit zu tun hat, als manche angepriesene Technikinnovation, die nach 2 Jahren veraltet ist . Viele dieser Bauten, die gänzlich ohne Technik auskamen, stehen heute noch und bedürfen bei genauer Betrachtung nur geringer Anpassungen an die heutigen Anforderungen.

Ein großer Dachüberstand macht manchmal mehr Sinn als ein Fassadenanstrich mit Lotuseffekt.